Gutachten zu Büchern fremdsprachiger Autoren von akt, z. B. von:
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| Autor: | Paolo Di Stefano |
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| Titel: | AIUTAMI TU |
| Verlag: | Editore Feltrinelli, Italien 2005 |
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Paolo Di Stefano, Jahrgang
1956, ist Journalist und Autor. Seine ersten vier Romane sind bei Feltrinelli
erschienen; der erste Roman Baci da non ripetere (1994) ist auf französisch
bei Métropolis und auf deutsch 1996 unter dem Titel Letzte Reise nach
Sizilien bei S.Fischer erschienen. Sein Briefroman AIUTAMI TU (September 2005)
hat in Italien bereits für ein Aufsehen erregendes Presseecho gesorgt.
Lieber
stummer Fisch, sprich doch einmal bitte! Ich weiß, dass ich zu viel rede und
manchmal rede ich auch, wenn ich nicht weiß, was ich sage, aber du sagst nie
etwas, du bist stumm wie ein Fisch.
AIUTAMI TU besteht aus einer
Sammlung von 164 Briefen an eine gewisse Marianna De Angelis, genannt M. Die
tagtäglichen Briefe des dreizehnjährigen Schülers Pietro Baldi, die innerhalb
eines halben Jahres entstehen, bilden eine atemberaubende Serie von kleinen
Einblicken in das alltägliche Grauen eines von den Eltern verlassenen
Geschwisterpaars in einer italienischen Großstadt. Dass die Briefe in die Hände
eines ermittelnden Kriminalbeamten fallen, der sie nüchtern protokolliert,
macht den Text gleichermaßen zu einem Thriller, einem Kriminalroman und zu
einer Anklageschrift gegen familiäre Gewalt in allen Ausformungen. Obwohl der
Titel (dt. Hilf du mir!) einen verzweifelten Hilferuf suggeriert, schildern die
Briefe doch Pietros eigenes selbstkonstruiertes Weltbild, bei dem Wirklichkeit
und Fantasie eine ununterscheidbare Mischung eingehen.
Pietro und seine jüngere
Schwester Federica, genannt die Rotznase, sind die Kinder geschiedener
Eltern, die sie längere Zeit vernächlässigt haben. Obwohl ihre Mutter sie von
Zeit zu Zeit besucht, leben sie in der Obhut eines wohhabenden älteren Ehepaars
– der Nespolas. So sind sie der völligen Gefühlskälte, Bigotterie und Heuchelei
zweier Menschen ausgeliefert, die Vater und Mutter systematisch verhöhnen und
verleumden und sich an dem Leid anderer bereichern. Der pubertierende Junge und
seine kleine Schwester werden in der Wohnung unwillkürlich Zeugen mehrerer
Zusammenkünfte der Nespola mit Schuldnern, denen sie zu Wucherzinsen Geld
leihen. Die meist völlig verzweifelten Menschen sind den Geldverleihern
ausgeliefert, und als schließlich ein Gepeinigter Selbstmord begeht, verschärft
sich die häusliche Situation bei den Nespolas noch: Sie werden bedroht, und die
Kinder werden in diese Bedrohung mit einbezogen. Pietro fragt Marianna
fortwährend nach dem Verbleib des Vaters, und seine Briefe an M. werden
zunehmend fantastischer: Durch die reale Bedrohung der verhassten Nespolas
paralysiert, fantasiert er von Terroristen, Spionen und Mördern, seine kleine
Schwester, die er abschätzig nur als Rotznase bezeichnet, steuert ihren
kindlichen Aberglauben bei. Szenen aus dem Schulalltag und Dialoge mit den
Mitschülern vervollständigen das Bild. Während viele Schilderungen sehr
plausibel klingen, schöpft er andere Begebenheiten aus seiner pubertären
Vorstellungswelt. Ihre Verschränkung ergibt die klaustrophobische, gegen Ende
fast unerträgliche Grundstimmung der Briefe.
Pietro, der als Klassenbester
über ein durchaus vielfältiges Sprachinstrumentarium verfügt, leidet unsäglich
unter seiner Situation, die ihm zunehmend den Atem abschnürt. Die Projektion
der Adressatin Marianna De Angelis rührt wahrscheinlich von einer flüchtigen
Begegnung mit einer Angestellten der Schule her; sie stimuliert offenbar auch
die erwachende Sexualität des Dreizehnjährigen, der seine Ergüsse, Träume und
Inkuben an eine Unbekannte richtet, die ihm nicht antworten, raten oder gar
helfen kann. Dennoch gibt es auch die reale Geliebte, die Mitschülerin
Blerina, die ihm erste Zärtlichkeiten gestattet und als einzige Figur des
Romans dem briefeschreibenden Ich einen Hoffnungsschimmer auf menschliche Liebe
und Zuneigung vermittelt. Obwohl er sich der Vergeblichkeit seiner Briefe
bewusst ist, kann er den Glauben an eine Wiedervereinigung seiner Eltern nicht
völlig aufgeben: Wenn sie sich früher mal geliebt haben, wie Mama sagt, warum
ertragen sie sich heute nicht mehr?. Aber die Mutter antwortet nicht. Sie
wissen niemals etwas., schreibt Pietro resigniert und lapidar zugleich. Im
Roman sind die Erwachsenen die ewigen Heranwachsenden, die sich vor der
Verantwortung drücken, während die Kinder gezwungen werden, kleine frühreife
Erwachsene zu sein, die die moralischen Normen setzen müssen und schließlich
ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.
Das finstere Geheimnis, das der
Leser von Anfang an erahnt, enthüllt sich am Schluss: Der Fall des
Doppelmords, in dem der Kriminalbeamte Nicola Vetere ermittelt, wird anhand der
Briefe von Pietro gelöst werden können. Der letzte Brief des Jungen enthält das
sachliche Geständnis der Tat: Während die kleine Federica an einem
Sonntagmorgen die alte Nespola im Bad mit einem elektrischen Fön umbringt,
erdrosselt Pietro den alten Mann beim Frühstück. Mit den Worten Jetzt hoffe
ich nur, dass Papa zurückkommt, dann kann ich mit Blerina abhauen. Jedenfalls
sind wir jetzt frei, und das ist das Wichtigste schließt der junge Mörder
seine grauenhafte Beichte.
Die minutiöse Art zu erzählen,
wie innerhalb eines halben Jahres die destruktiven Elemente in einer
Atmosphäre psychischer und physischer Gewalt einen Jugendlichen verbiegen und
zum pathologischen Fall machen können, hat der Autor Paolo Di Stefano mit
unglaublicher Stringenz durchgehalten. Die fürchterliche Logik der Geschehnisse
in ihrer Innensicht, die die ausführlichen Briefe des Pietro Baldi anbietet,
hinterlässt beim Leser dennoch nagende Zweifel. Was ist eigentlich mit dem
Vater Giuseppe? Wer sind die Nespolas? Warum werden die Kinder wie Gefangene
gehalten? Ist auch die Mutter Psychopathin? Ist das Geständnis die Wahrheit
oder wiederum Auswuchs der drastischer werdenden Fantasien Pietros? Das Dilemma
liegt in der Verquickung der Krise des Pubertierenden mit den geschilderten
Ereignissen, die sich wie eine Würgeschlange um den Hals des Protagonisten
legt. Die Katastrophe dräut von der ersten bis zur letzten Seite, die Morde
erscheinen völlig folgerichtig.
Der Leser wird gleichermaßen
zum Detektiv und Psychologen, wenn er die stummen Schmerzensschreie und
drängenden Sinnfragen des Jungen, die Di Stefano so glaubhaft wiedergibt,
interpretieren soll. Der Autor beherrscht seinen narrativen Stil in absoluter
Perfektion, so dass Sprache, Textstruktur und Psychologie eine homogenes Ganzes
bilden. Einer Übersetzung wünscht man schon jetzt die gehörige Portion
Kongenialität und eine street credibility, die das Original musterhaft
vorgibt. Durch Prolog und Epilog ist die Innerlichkeit der Episteln, die einen
Briefwechsel zu keiner Zeit suggerieren, in einen Rahmen gefasst, der für
einen Psychothriller taugt. Anders als in Kumpfmüllers Durst liegt dem Plot
keine wahre Geschichte zugrunde, was der Authentizität des Textes keinen Abbruch
tut. Nicht nur in Italien, wo zurzeit eine Art Hype in Bezug auf
dokumentarische Literatur aus der Sicht junger Menschen stattfindet, hat dieses
wunderbare und beklemmende Buch genug Potenzial, um für Aufmerksamkeit zu
sorgen.
© Anette Kühnel
19.11.2005