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| Autor: | Alfonso Mateo-Sagasta |
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| Titel: | LADRONES DE TINTA |
| Verlag: | Ediciones B, Spanien 2005 |
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Alfonso
Mateo-Sagasta, Jahrgang 1960, hat in seinem neuen Roman TINTENDIEBE (2004)
zwei publikumswirksame Genres miteinander verschränkt – mit geteilter Wirkung:
TINTENDIEBE ist ein spannender Detektivroman, der das Drehbuch für einen
Kino-Thriller liefern könnte, und zugleich historischer Abenteuerroman aus der
Zeit des spanischen Barock. Der Held und Ich-Erzähler trägt großes Identifikationspotenzial
in sich, die Stadt Madrid liefert mit einigen Nebenschauplätzen eine großartige
Kulisse für den ereignisreichen Plot, das überaus breite Figurentableau erlaubt
einen guten Einblick quer durch die Gesellschaft des 17. Jahrhunderts, Spaniens
goldenem Zeitalter (
Siglo de Oro), und die literarischen Konnotationen
genügen auch höheren Leseansprüchen.
Der
Roman teilt sich in vier große Teile und 107 relativ kurze Kapitel. Vor dem
Hintergrund großer historischer Ereignisse und dem Kriegsgeschehen in Europa
mit den Machtansprüchen verschiedener Herrscher entfaltet sich eine
kleinteilige Handlung, in deren Mittelpunkt das Leben des Miguel de Cervantes
und sein Hauptwerk
Don Quijote de la Mancha steht. Der Autor
Mateo-Sagasta berichtet in seinem Prolog von einem klassischen Fund auf dem
Dachboden der Archive der
Casa de Cameros in Madrid: Zufällig sind ihm
Aufzeichnungen eines gewissen Don Isidoro Montemayor in die Hände gefallen, die
er des Publizierens für wert hält. Ebenso zufällig erfolgte die Titelgebung:
LADRONES DE TINTA ist eigentlich der Titel eines soeben vollendeten Gemäldes
von Fernando Marañon, das eine Gruppe von Dichtern in schwarzem Habitus zeigt.
Der etwas altbackene Kunstgriff des Autors dient fraglos dazu, die abenteuerliche
Geschichte Montemayors authentischer wirken zu lassen. Im Folgenden lässt der
Ich-Erzähler Don Isidoro den Leser mitten in das Spanien Cervantes´, Lope de
Vegas, Quevedos und Calderóns eintauchen.
Im
Jahre 1605 war in Madrid der erste Teil des
El ingenioso hidalgo don Quijote de la Mancha
erschienen. Die Publikation war ein beispielloser
Erfolg; im ersten Jahr wurden sechs Auflagen gedruckt, das Werk wurde bereits
1612 in Englische und 1614 ins Französische übersetzt. Unter dem Pseudonym
Alonso Fernández de Avellaneda erschien
jedoch in Tarragona im Jahre 1614 der zweite Band des
Quijote, als
Cervantes in Madrid noch an seinem eigenen zweiten Teil arbeitete. Diese
historisch verbürgte Begebenheit bildet die Grundlage der Handlung von LADRONES
DE TINTA.
Madrid,
1614: Isidoro Montemayor blickt in seinen Aufzeichnungen auf die sagenhafte
Geschichte von der Jagd nach dem Urheber des zweiten Bandes des
Quijote, einer eindeutigen Fälschung, zurück. Das spanische
Reich befindet sich bereits in Agonie; zwar kommt noch viel Gold aus Südamerika
über Genua ins Land und Spanien erlebt eine lange Friedensphase unter Philip
III., doch deutet allenthalben politisches Ränkespiel in Europa das
Heraufziehen des 30-jährigen Krieges an. Don Isidoro, der sein Geld als
Aufseher eines Glücksspiel-Etablissements und Hofberichterstatter verdient,
wird von seinem Arbeitgeber, dem Kasinobesitzer und Verleger Francisco de
Robles, mit dem Auftrag betraut, die Urheberschaft der ominösen Publikation zu
erforschen – mit allen Mitteln und ohne Scheu vor Kosten und Mühen. De Robles
hatte den ersten Teil des
Quijote so erfolgreich herausgegeben, dass er
nun aufgebracht ist und sich um seinen Gewinn an dem zweiten Teil betrogen
fühlt. In der brodelnden Großstadt Madrid beginnt nun die Suche nach dem
Plagiator, auf seinen Streifzügen durch schmierige Kneipen, Bordelle, durch
erstklassige literarische Zirkel, Druckereien, die klerikale und
aristokratische Gesellschaft und in andere Städte entdeckt Don Isidoro schier unglaubliche
Verstrickungen von Klerus, Adel und Militär in seinen Fall. Nicht nur die großen
historischen Zeitgenossen des Detektivs Montemayor, der selbst als Soldat in
Flandern war und blutrünstige Auseinandersetzungen nicht scheut, scheinen in
seinen Berichten auf, sondern auch die kleinen Huren, Concièrges, seine Untermieter,
deren bemitleidenswerte Kinder und die zweifelhaften Gesellen des Kasinos
werden detailreich in bunten Farben geschildert. Es entsteht ein Breughelscher
Bilderbogen, wenn Don Isidoro uns weder sein Hämorrhoidenleiden noch die
Leerung seines Nachttopfs auf die Gassen von Madrid vorenthält. Seine Besuche
beim kranken Cervantes und beim bigotten Lope de Vega, beim Drucker, bei den so
genannten kleinen Leuten, beim Klerus und beim Adel (als Klatschkolumnist hat
er Zugang zu den höheren Kreisen, außerdem bemüht er sich erfolgreich um einen
Stammbaum, der ihn selbst als geblütsreinen Edelmann ausweist) erweisen sich
bald als aufschlussreich: Alonso
Fernández de Avellaneda exisistiert gar nicht, es handelt sich lediglich um das
Pseudonym eines rachsüchtigen Widersachers von Cervantes, der sich während
seiner Kriegsgefangenschaft tödliche Feindschaften zugezogen hat. Der
literarisch ohnehin einigermaßen bewanderte Don Isidoro beginnt, sich
inhaltlich mit Cervantes´ Hauptwerk zu beschäftigen und entdeckt sowohl im
ersten als auch im zweiten Teil zahllose Angriffe und Beleidigungen. (Diese
Erkenntnis deckt sich mit der zeitgenössischen Rezeption des Werkes: Cervantes
hat das literarische Leben seiner Zeit einer heftigen Kritik unterzogen, und
mit Quijote und dem Protagonisten Alonso Quijano ist ihm eine brilliante
Parodie auf seine Kollegen, Verleger und die so genannten Caballeros-Bücher
gelungen, deren genialische Reichweite sich erst später offenbarte.) Nun wird Cervantes
im zweiten Teil selbst das Opfer von lebensgefährlichen Anschuldigungen, die
ihn auf den Scheiterhaufen der Inquisition bringen könnten: Cervantes wird als
Ehebrecher und Homosexueller bezeichnet, und es ist an Montemayor, die Wahrheit
herauszufinden.
Nach
etlichen Verwicklungen und Verstrickungen, Raubüberfällen, politischen
Intrigen, Tagesreisen nach Toledo, dem Mord an der spielsüchtigen Herzogin de
Hornacho, Tante der angebeteten Gräfin Micaela, Orakelsprüchen und dem
Wiederauffinden eines verschollenen wertvollen Korans gelingt Montemayor mit
seinen Gehilfen das Aufdecken des Geheimnisses: In Wirklichkeit ist der Autor
des zweiten Teil de Robles selbst, durch sein eigenes Kryptogramm (
cancros
orbis fel) kann er als Plagiator überführt werden. Er hat mit den
Spießgesellen Blanco de Paz und Pasamonte einen minutiös geplanten Rachefeldzug
gegen den kranken Cervantes geführt und ihn so fast zerstört. Montemayor
seinerseits rächt nun Cervantes, indem er de Robles vor ein vermeintliches
Inquisitionsgericht stellt, das ihm die Menschenwürde absprechen soll. Abschließend
tritt er zufrieden mit sich selbst in den Dienst der Gräfin Micaela.
Die
schillernde Darstellung der Figuren und der Schauplätzen drängt das Thema – das
Kunstwerk, das der Anlass für diverse Verwicklungen und Morde ist, und die Welt
der Bücher und der Literatur – teilweise an den Rand. Das ausladende
Figurenpanorama, Madrids Lokalkolorit – mit seinen Straßennamen, Kirchen und
profanen Bauwerken werden Montemayors Streifzüge für heutige Leser wunderbar
nachvollziehbar -, die soghafte Schilderung der Atmosphäre und der
historischen, politisch angespannten Situation ist dem Autor, der passionierter
und studierter Historiker ist und eine auf Archäologie und Anthropologie
spezialisierte Buchhandlung betreibt, gut gelungen. Der moderne Sprachduktus
macht das Werk dem heutigen Leser gut zugänglich – erklärtermaßen war dies Mateo-Sagastas
Absicht, wie aus diversen Interviews (z.B.
Cinco Días, El Periódico) mit
dem Autor hervorgeht -, wenn auch die Dialoge in salopper Alltagssprache nicht
gerade zur Historisierung beitragen. Einzig das Einweben des Plots und der
literarischen Referenzen gerät ihm zu kurz, was zur Folge hat, dass kaum eine der
fast hundert namentlich eingeführten Figuren dramatisch korrekt durchkomponiert
wurde, um die Handlung stringent voranzutreiben. Jegliche Authentizität bleibt
dem Ich-Erzähler überlassen, der humorvoll-souverän, in Teilen ironisch seine
Detektivgeschichte in den Vordergrund bringen soll, jedoch an den überbordenden
Randerscheinungen und Nebenhandlungen scheitert. Der fesselnde Topos der
Entschlüsselung eines geheimnisvollen Werkes der Dichtkunst rückt
Mateo-Sagastas Roman jedoch noch nicht in die Nähe von Ruiz Zafons
Schatten
des Windes oder gar Browns
Da-Vinci-Code. Die brillante Idee, die
Entstehungsgeschichte der beiden Teile des
Quijote zu entmystifizieren
und einen Kriminalroman daraus zu machen, ist nur teilweise handwerklich
geschickt umgesetzt und leider stark überfrachtet worden. Dieses Scheitern ist
umso bedauerlicher, als es literaturwissenschaftlich längst erwiesen ist,
dass im spanischen
Siglo de Oro Theaterstücke und Literatur schon viel
gelesen, deshalb häufig gedruckt wurden, wobei jeweils der Name eines bekannten
Autors als Lockvogel diente, auch wenn das betreffende Werk gar nicht von
Cervantes, Lope oder Calderón stammte (vgl. Ingrid Simson: Das Siglo de Oro.
Stuttgart: Klett, 2001).
© Anette Kühnel
19.6.2006