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| Autor: | Pedro Zarraluki |
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| Titel: | UN ENCARGO DIFÍCIL |
| Verlag: | Anagrama, Spanien 2005 |
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Pedro Zarraluki, Jahrgang 1954,
ist in Spanien bereits ein bekannter Erzähler und Romancier und hat mit seinem
letzten Roman UN ENCARGO DIFÍCIL (dt. Ein schwieriger Auftrag) den renommierten
Premio Nadal 2005 gewonnen. Seine Romane
El responsable de las ranas und
La historia del silencio sind in Deutschland 1996 im Paul List Verlag (nicht
mehr lieferbar) erschienen. Außerdem ist er Lyriker, ein Meister der
Kurzgeschichte und in verschiedenen spanischen Anthologien vertreten. 1994
wurde er mit dem Herralde-Preis ausgezeichnet.
In seinem dritten Roman UN
ENCARGO DIFÍCIL entrollt Zarraluki auf 254 Seiten eine Handlung, die den Leser
soghaft vom harmlosen Anfang bis zu ihrem paradoxen Ende an seine Lektüre
fesselt. Eine scheinbar banale Geschichte entwickelt sich durch die Dynamik der
Charaktere zu einem mörderischen Kammerspiel, das einerseits grausam,
andererseits tragikomisch-kathartisch in seiner Endgültigkeit ist.
Spanien 1940: Ein Jahr nach dem
Ende des spanischen Bürgerkriegs trifft auf der Mallorca südlich vorgelagerten
Felsinsel Cabrera, die seit dem 19. Jahrhundert als Stützpunkt einer
militärischen Garnison dient und bis heute gleichermaßen militärisches
Sperrgebiet und Nationalpark ist, zufällig eine heterogene Gruppe von
gescheiterten (
los fracasados) Menschen aufeinander, deren
Bewältigung des nun herrschenden
Franquismo auf sehr unterschiedliche
Weise vonstatten geht.
Die zentrale Figur ist zunächst
der homosexuelle Gelegenheitskiller und Barbesitzer Benito Buroy aus Palma de
Mallorca, dessen unrühmliche Vergangenheit ihn für den Polizeikommissar von
Palma erpressbar macht. Er wird mit dem schwierigen Auftrag, den deutschen
Eremiten Markus Vogel ohne Aufsehen zu erregen zu töten, nach Cabrera
geschickt. Sein Geheimauftrag ermöglicht ihm die Unterbringung in der Garnison,
sein Pakt mit dem Kommissar beinhaltet die Tilgung seiner Vorstrafen durch den
Mord an dem Deutschen.
Markus Vogel, alias Paul Wahle,
alias Ricardo Gonzales, im Abwehrdienst der Nazis und als möglicher Doppelagent
in Madrid verhaftet, ist von den spanischen Behörden auf die kleine Insel
verbannt worden, solange ihm aufgrund der Kriegssituation in Deutschland nicht
der Prozess gemacht werden kann. Vogel ist hoch gebildet, spricht perfekt
kastilisch, hat militärische Geheimnisse der Briten ausspioniert, lebt nun abseits
der Garnison in einer Felsenhöhle und kommt nur gelegentlich in die
Cantina
von Felisa García, die für die Verköstigung der stationierten Soldaten
zuständig ist und ein miserables Leben an der Seite eines trunksüchtigen
Mannes und eines behinderten Sohnes führt. Sie ist Analphabetin und ebenso rau
wie herzlich im Umgang mit den sie umgebenden Männern.
Zu ihrem Glück stoßen in diesem
Jahr die kultivierte Witwe Leonor Dot und ihre 14-jährige Tochter Camila aus
Barcelona zu den Inselbewohnern. Zwischen den Frauen entsteht eine
eigentümliche, solidarische Freundschaft, obwohl sie verschiedener nicht sein
könnten. Leonor Dots Mann gehörte zu den bürgerlichen Republikanern und wurde
in den letzten Kriegstagen von den Nationalen hingerichtet. Seine Witwe und
seine Tochter sind gleichermaßen traumatisiert und werden bis auf weiteres nach
Carbrera geschickt, wo sie eine heruntergekommene Hütte bewohnen und auf Staatskosten
in Felisas Bar essen dürfen. Nach anfänglicher Befangenheit kommen die beiden
Frauen sich näher; Felisa zweigt Bedarfsgüter für Leonor ab, während Leonor der
Wirtin Lesen und Schreiben beibringt. Beide fühlen sich als Mütter trotz der
endzeitlichen Stimmung auf Cabrera noch für die Zukunft ihrer etwa
gleichaltrigen Kinder verantwortlich. Camila und der geistig zurückgebliebene
Andrés erkunden gemeinsam die Insel, baden in abgelegenen Felsbuchten und
können der Robinsonade sogar angenehme Seiten abgewinnen.
Komplettiert wird das Ensemble,
das wie auf einer Theaterbühne agiert, durch den bereits erwähnten Alkoholiker
Paco, den Fischer Lluent und den Militärkommandanten Constantino Martínez, der
seine Dienstzeit auf Cabrera als eine Strafe Gottes ansieht und so bald wie
möglich wieder aufs Festland versetzt werden möchte. Außerdem tritt eine Unzahl
namenloser Soldaten auf. Die Ansammlung von Gescheiterten durchlebt
Anpassungsprozesse und Auseinandersetzungen, die an Der Herr der Fliegen von
Golding erinnern, obwohl die hierarchischen Strukturen auf Cabrera von
vornherein festgelegt sind. Die Insulaner erkennen schnell, dass sie
aufeinander angewiesen sind, alle in einem Boot sitzen und dass das
gemeinsame Essen eine grundlegende und deshalb friedliche Angelegenheit bleiben
muss. Die Charaktere werden psychologisch exakt aufgebaut, in ihrer
Vorgeschichte beschrieben und entfalten deshalb eine nachvollziehbare
dynamische Handlung, die die grausamen Ereignisse plausibel macht. Sowohl die
Landschaftsbeschreibungen und Ereignisse als auch die atmosphärisch dichten
Dialoge ziehen den Leser in ihren Bann.
Mehrere Ereignisse
rhythmisieren den öden Verlauf der Tage im Frühherbst auf Cabrera: Ein Sturm
legt Gräber auf dem Friedhof an der Klippe frei, dabei wird der Schatz der
Xuxa gefunden, u.a. ein Ring, der ungeahnten Reichtum für Felisa Garcia
bringt, als sie ihn in Palma versetzt. Es gibt ein Festessen mit Champagner,
neue Kleidung und Hausrat für die Frauen. Ein LKW wird gebracht, der aber wegen
Treibstoffmangels nicht bewegt werden kann. Als Lluent Benito Buroy bittet, ihn
auf seinem Fischerboot zu begleiten, geraten sie in Seenot, und Buroy verletzt
sich so, dass es ihm unmöglich ist, die Pistole, die ihm der mallorquinische
Kommissar für seinen Auftrag übergeben hat, zu benutzen. Mehrfach hat er sich
auf den Weg über die Insel gemacht, um Markus Vogels Höhle zu suchen – bislang
erfolglos. Als er ihm endlich gegenübersteht, hat er plötzlich Skrupel, ihn zu
erschießen. Dann verstreichen weitere Gelegenheiten, ohne dass er seinen Auftrag
ausführen kann. Ab und zu werden britische U-Boote gesichtet, was den
Kommandanten in helle Aufregung versetzt.
Das entscheidende Ereignis, das
noch weitere ins Rollen bringt, ist der Absturz einer deutschen Messerschmidt
vor der Küste; der Pilot Hermann Schmidt wird gerettet, sein Flugzeugwrack an
Land gebracht. Markus Vogel wird offiziell als Dolmetscher für den
unsympathischen, schießwütigen Piloten eingesetzt, man vereinbart eine
Rückführung Schmidts mitsamt seinem Wrack nach Deutschland. Nun scheint Buroys
Auftrag gänzlich undurchführbar zu sein, denn der Eremit Vogel tritt offen auf
die Bühne. Als plötzlich die beiden Jugendlichen Camila und Andrés von einem
Ausflug nicht zurückkehren und man nach einer groß angelegten Suche Camila
missbraucht und ohnmächtig in den Klippen findet, wird zunächst Andrés
verdächtigt und später Hermann Schmidt der Untat bezichtigt. Der Moralist Vogel
tötet Schmidt im Zweikampf, um das Verbrechen an dem Mädchen zu rächen. Zu
allem Überfluss stellt sich heraus, dass die Vergewaltiger Raubfischer waren,
die längst entflohen sind. Die Situation wird sowohl für Martinez als auch für
Buroy unhaltbar: Der eine muss seinen Auftrag ausführen, um nach Palma
zurückkehren zu dürfen, der andere muss den Deutschen einen
Wehrmachtsangehörigen samt Flugzeug ausliefern. Das bringt Buroy auf die
geniale Idee, die Identität der beiden zu vertauschen, um sich alle Probleme
auf einen Streich vom Halse zu schaffen. Die Bewohner werden bis auf Camila in
den Plan eingeweiht, und decken diese Lösung einhellig. Das Schlusstableau
bildet ein rührendes Abschiedsfest für Vogel; alle Figuren scheinen geläutert: Felisas
erstgeborener Sohn kehrt zurück, Martínez wird nach Algeciras versetzt – die
Briten haben Cabrera nie besetzt -, Vogel taucht in Deutschland unter und sogar
Buroy kann ein neues Leben beginnen.
Der Roman EL ENCARGO DIFÌCIL
enthält ein großes Bündel zeitgenössischer Erzählmotive und einen breiten
Fächer menschlicher Psychogramme, die sich gemeinsam Schritt für Schritt zu
einem einer grausamen Logik folgenden Ereignis zusammenballen. Der
chronologische, geradlinige Erzählstrang des allwissenden Autors wird
facettiert durch die Einschübe, in denen Camila als Ich-Erzählerin die Handlung
und die Personen kommentiert und zurechtrückt. Die Parabel von den
pulpos,
den Tintenfischen, die von Fischern am Meeresgrund in kleine Behälter gelockt
werden, um dort qualvoll zu sterben (S. 230f) macht die Absicht des Autors
deutlich, den menschlichen Willen und die Beziehungen der Menschen
untereinander über jedes Gesetz zu stellen – damit niemand in die Falle tappt
und sich schuldig macht.
Die überlebenden Romanfiguren
wurden trotz ihrer Gebrochenheit und Rohheit mit liebevollem Blick entworfen,
der Leser darf mitfühlen und so die Weite des historischen Kontextes - auf den
kleinen Schauplatz reduziert – spüren.
Zarraluki trifft mit seinem gelungenen,
teils humorvollen Text auf einen empfindlichen Nerv – Verantwortung und Schuld
- einer jungen Generation von Spaniern auf der Suche nach
Vergangenheitsbewältigung noch vor der
Transición.
© Anette Kühnel
22.8.2006